Händelfestspiele: Carlos Wagner inszeniert „Lotario“

Jedes Jahr steht eine der über vierzig Opern von Georg Friedrich Händel auf dem Programm der Internationalen Händelfestspiele Göttingen. In diesem Jahr ist es „Lotario“ (HWV 26), ein nicht leicht zu inszenierendes Stück. Der gebürtige Venezuelaner Carlos Wagner wagt es dennoch, und hat offensichtlich seinen Spaß dabei.

Führt erstmals Regie bei den Händelfestspielen Göttingen: Carlos Wagner. (Bild: PR)
Führt erstmals Regie bei den Händelfestspielen Göttingen: Carlos Wagner. (Bild: PR)

An einem Samstagvormittag Anfang Mai bin ich für einen WDR3-Vorbericht zur Probe eingeladen. Es sind noch vierzehn Tage bis zur Premiere, und zum letzten Mal treffen sich Darsteller, Regieteam und Cembalistin in einem Proberaum. Der historische Ballsaal des Hotel Central, der zu diesem Zweck umfunktioniert ist, liegt im Innenhof des Hotels. Eine Schar Tauben begrüßt mit gurrend, bevor ich die blaue Tür aufdrücke und schon die ersten Cembalo-Töne vernehme.

Carlos Wagner hat sein blaues Hemd hochgekrempelt, trägt Jeans und Halbschuhe. Die Brille setzt er nur dann auf, wenn er etwas in seiner Notiz-Kladde nachschauen muss. Notizen, wie er sich die Szenen in „Lotario“ denkt, alles auf Englisch. Allerdings sind es nur Skizzen. Was tatsächlich auf der Bühne passiert, das erarbeitet er mit den Darstellern direkt und auf Augenhöhe. Agil, ohne Berührungsängste, furios wechselnd auf Englisch, Deutsch und Spanisch.

Eigentlich war eine Durchlaufprobe anberaumt, aber es gibt noch so viele Details zu klären. Zum Beispiel die Sache mit dem dicken Seil, in das sich gleich mehrere Darsteller verwickeln. Der Herzog Berengario ebenso wie sein Sohn Idelberto. Jose Navarro Colorado und Jud Perry haben mit der Requisite deutlich mehr Probleme als mit ihren Koloraturen, mal ist sie zu lose, dann wieder zu fest, dann zu kurz …

Lotario ist seine erste Barockopernproduktion überhaupt, erzählt mir Carlos Wagner, als wir gut drei Stunden später im Frühstücksraum des Hotels für das Interview Platz genommen haben. Aber es reize ihn. Man könne große Bögen spannen, müsse aber auch auf unglaublich viele Details achten. Vor allem die Wiederholungen der Da-Capo-Arien haben ihn anfangs vor Herausforderungen gestellt.

Das Bühnenbild bildet ein Raum des Schlosses Versailles, ein Lagerraum für Bilder. In der Inszenierung sind es Kriegsdarstellungen, brennende Gebäude usw. Denn Lotario ist inhaltlich eine auf verschiedenen Ebenen gewaltlastige Oper. Die Handlung aufzudröseln ist nicht leicht aufzudröseln (das Leben des historischen Kaisers Otto I. spielt eine Rolle, der Kampf um die italienische Krone, die Liebesgeschichte zwischen Adelaide und Otto-Lotario …). Was aber bestimmend ist: Ständig nimmt irgendjemand irgendwen gefangen, setzt einer den anderen unter Druck, übt latent oder offen Gewalt aus. Das Seil ist da nur eine von vielen Metaphern, oft geht es auch um kleine, impulsive Gesten. In jedem Fall spannender als eine Liebeskomödie, schmunzelt Wagner, der sich übrigens bewusst für dieses Stück entschieden hat.

Für die Show in Lotario sollen Kostüme sorgen, wie sie auch Designer entwerfen, erzählt Carlos Wagner. Wie sie aussehen, kann ich an diesem Samstagvormittag noch nicht erahnen. Genauso wenig, wie das alles mit der Orchestermusik des fabelhaften Festspielorchesters unter Leitung von Laurence Cummings klingen wird. Noch ist alles „trocken“. Man darf aber gespannt sein, wie es wird. Und ich habe das Gefühl, Carlos Wagner ist selbst am gespanntesten.